interdisziplinäres Kolloqium für Studenten und Auszubildende
7. Mai 2010, Hochschule für Philosophie, Kaulbachstraße 31a
Patientenautonomie
Die Ethik zeigt klar auf, dass die Autonomie eines Menschen unabhängig von seiner Entscheidungsfähigkeit unbedingt zu achten ist. Die Würde des Menschen ist unverlierbar. Doch wie sollen wir praktisch bei Entscheidungen am Lebensende mit dem Begriff der Autonomie umgehen, wenn ein Patient/in oder ein Angehöriger krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage ist den eigenen Willen zu äußern?
Um dieses Dilemma sowie weitere interessante Fragen näher anzuschauen, wollen wir mit Studierenden sowie Auszubildenden der verschiedenen Fachrichtungen wie euch ins Gespräch gehen.
Besonders wichtig für uns ist der interdisziplinäre Diskurs, da dieses Thema perspektivisch ein breites Feld an Fachdisziplinen berührt und damit auch erfordert.
Besonders herzlich eingeladen sind Studenten und Auszubildende aller Fachrichtungen und Fakultäten.
Die Referenten

Professor Dr. Michael Bordt SJ
Professor für Ästhetik, philosophische Anthropologie und Geschichte der Philosophie (Antike).

Professor Dr. Norbert Brieskorn SJ
Seit 1994 o. Professor für Rechts- und Sozialphilosophie und Sozialethik an der HfPh, München, Philosophische Fakultät S.J.

Professor Dr. med. Eckhard Frick SJ
*1955, Studium der Philosophie, Medizin und Theologie, Jesuit, Psychoanalytiker und Psychodramatiker.

Professor Dr. Walter Verbeek
Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie, Internistische Onkologie und Gastroenterologie.

Dr. Lukas Kaelin
seit Dezember 2008 Univ.-Ass. am Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Doris Dawidt
Examinierte Krankenschwester; seit 1989 als Pflegekraft tätig. Sie arbeitet seit 2006 an einer Dissertation zum Thema: Sterben.
Tagungs-Programm
Die Veranstaltungen am Vormittag finden nacheinander statt, die am Nachmittag gleichzeitig. Alle Zeiten s.t.
Vormittag
Begrüssung
(9 Uhr in der Aula)Tod und Sinn - Ist dieses Leben alles, was wir haben?
(Bordt; ca. 9 bis 10 Uhr in der Aula)Die Frage nach dem Tod ist nicht nur die Frage nach unserem Sterben, sondern auch die Frage danach, was es heißt zu leben, die Frage danach, wer wir Menschen sind, was unsere Identität bestimmt und was für eine Einstellung wir in Bezug auf Sterben und Tod vernünftigerweise einnehmen sollten.
In dem Vortrag soll die Debatte der analytischen Philosophie zum Thema Tod und Sinn mit ihren Thesen veranschaulicht werden.
Autonomie als zu verantwortende Selbstbestimmung
(Brieskorn; 10 bis 11 Uhr in der Aula)
- Ist der Mensch nur dort Mensch, wo er autonom ist?
- Was heißt Autonomie? In Übereinstimmung mit einem Gesetz stehen, das sich der Mensch selbst gegeben hat?
- Inwiefern sollten wir nicht doch ausdrücklich, um Irreführungen zu vermeiden, die 'Achtung vor dem Anderen' dazufügen?
- Kann es daher Autonomie ohne die Symmetrie von Gesprächs- und Beteiligungschancen geben?
- Ein Ausweg aus den Schwierigkeiten ist, in der Theorie das Subjekt als Träger und Ziel von Autonomie selbst zu beseitigen (Niklas Luhmann).
Patientenautonomie - Interkulturelle Perspektiven
(Kaelin; 11 bis 12 Uhr in der Aula)In der westlichen Welt hat sich in den letzten 30 Jahren die Autonomie zu einem basalen Grundprinzip der Medizinethik entwickelt. Die individuelle Selbstbestimmung hat jedoch in nicht-westlichen Gesellschaften nicht denselben Stellenwert und tritt hinter die Rolle der Familie und ein anderes Verständnis des Patienten zurück. Im interkulturellen Vergleich wird nach den Möglichkeiten und Grenzen der Patientenautonomie gefragt.
Mittagspause
(12 bis 14 Uhr. Für ein warmes Mittagsessen ist gesorgt: die Kosten sind im Teilnehmerbeitrag enthalten. Wir werden von dem Restaurant Unicum direkt bei uns an der Fakultät bewirtet.)
Nachmittag
(alle Veranstaltungen 14 bis 17 Uhr)
»Menschenwürdig sterben« in der Klinik?!
(Dawidt; Raum n.n.)Weit mehr als die Hälfte der Menschen, die in unserer Gesellschaft sterben, sterben in einem Altenheim, einer Klinik, manche auf einer Intensivstation. Häufig stellt sich die Frage nach menschenwürdigem Sterben in dieser Situation ganz akut und konkret. Viele Menschen fürchten sowohl die Situation als auch die Frage. Die Forderung nach mehr Patientenautonomie, die Zunahme der Patientenverfügungen dürften nicht unwesentlich durch die Angst vor einem menschenunwürdigen Sterben motiviert sein.
Dieser Workshop zielt auf die eher pragmatischen Aspekte am Lebensende. Wie kann menschenwürdiges Sterben – auch in der Klinik und auch auf der Intensivstation – realisiert werden? Gemeinsam werden wir uns zunächst der Bedeutung des Begriffes Menschenwürde nähern und anschließend versuchen wir unser Ergebnis auf die besondere Situation am Lebensende zu beziehen.
Der Einfluss ärztlicher Aufklärung auf Entscheidungen am Lebensende
(Verbeek; Raum n.n.)Der Patient soll zu jedem möglichen Zeitpunkt die Entscheidungsfreiheit über seine medizinischen Behandlungen und Eingriffe insbesondere auch angesichts des drohenden Todes behalten. Wie ist das möglich? Welchen Einfluss hat die Aufklärung des Arztes in dieser Situation? Die ärztliche Aufklärung kann als Basis für die Entscheidungsfindung des Betroffenen (oder manchmal für den Fall der Bewusstlosigkeit) der Angehörigen, die im Sinne des Betroffenen handeln sollen, dienen. Entscheidungen am Lebensende hängen oft von der konkreten medizinischen Situation ab. So kontrastiert die Situation der akut lebensbedrohlichen Erkrankung mit akut einsetzender Bewusstlosigkeit mit der lebensbedrohlichen, irreversibel fortschreitenden Erkrankung. In der ersten Situation stellen sich Fragen wie: Ist der lebendsbedrohliche Zustand reversibel? Wie wahrscheinlich ist er reversibel? Ist er nur reversibel mit schweren Behinderungen (z.B. Hirnschaden), die die Lebensqualität nachhaltig beeinflussen können?
Im Falle des langsamen Fortschreitens stellen sich Fragen zur palliativen Therapie sowie der Prognose: (Wie lange noch, Herr Doktor?)
Wie oft wird eine Entscheidung „gegen“ ein vom Arzt offeriertes Behandlungsangebot getroffen. Wie oft wird um möglicherweise nicht sinnvolle Behandlungen gebeten, die nur über das Nichtvorhandensein von medizinischer Behandlung hinwegtäuschen soll, um sich nicht der Hoffnungslosigkeit des nahenden Todes ausgeliefert zu sehen?
Aus diesen Gedanken wird klar, dass die ärztliche Aufklärung auch bei Entscheidungen am Lebensende häufig eine sehr wichtige Rolle spielt. Eine Patientenautonomie ohne die Aufklärung durch einen Arzt, der zum einen die medizinischen Fakten kennt und einem Laien vermitteln kann, zum anderen die notwendige Empathie mitbringt, ist nicht möglich. Dennoch ist es in der Realität durchaus möglich, wenn die Tatsache des nahenden Todes akzeptiert und nicht verdrängt wird, Entscheidungen am Lebensende selbst zu treffen.
Meiner Erfahrung nach, scheint jedoch das entscheidende Gespräch hierüber von Patienten und Angehörigen teilweise vermieden zu werden. Ein aktives Ansprechen durch den Arzt wird häufig als “die letzte Hoffnung wegnehmen“ empfunden und so werden Entscheidungen durch das im Laufe der Zeit fortschreitende Krankheitsbild vorweggenommen. Das Ergebnis kann dann der Tod im Krankenhaus, manchmal im Mehrbettzimmer, manchmal nur abgetrennt durch eine „spanische Wand“ sein. Ich möchte in meinem Beitrag meine persönlichen Erfahrungen bei der ärztlichen Aufklärung „todkranker“ Patienten in Klinik und Praxis vermitteln, insbesondere unter dem Aspekt des möglichen Einflusses auf Entscheidungen am Lebensende.
Arbeitsgruppe »Ethisches Rollenspiel«
(Frick; Raum n.n.) Am Beispiel der postmortalen Organspende behandeln wir die eigene, über den Tod hinauswirkende Entscheidung des Spenders (Organspendeausweis) und die Rolle der Angehörigen sowie des medizinisch-pflegerischen Personals. Dabei arbeiten wir mit dem Rollenspiel auf der Grundlage des klassischen Psychodramas nach J.L. Moreno.
Literatur: Frick E (2008) Brauchen wir einen Organspende-Ausweis?
Erfahrungen mit dem psychodramatischen Rollenspiel im medizinethischen Unterricht. Z Psychodr Soziometr 7:88-101
Gruppenarbeit: »Autonomie« bei Immanuel Kant, Georg W. Fr. Hegel und Karl Marx
(Brieskorn; Raum n.n.)Wir gehen das kantische, hegelianische und marxistische Verständnis von Autonomie lesend und diskutierend durch.
- Beschreiben diese Autoren Autonomie als ein Bestehendes (Vorgabe) oder als ein Ziel?
- Ist Autonomie Emanzipation?
- Welche Rolle spielt Religion in diesen philosophischen Ansätzen?
- Kant: Autonomie als Selbstgesetzgebung; und was ist das "Selbst"?
- Hegel: die Vernunft ist nur autonom, wenn sie die von ihr selbst fixierten Schranken bejaht; öffnet sich diese Vernunft noch auf die Wirklichkeit?
- Marx: religiöse oder rein geistige Selbständigkeit versus ökonomische Befreiung?
Praktische Grenzen der Patienten-
autonomie
(Kaelin; Raum n.n.)
Anhand von Fallbeispielen sollen die Grenzen der Patientenautonomie in der Praxis des institutionalisierten Krankenhausalltags beleuchtet und diskutiert werden. Diese Diskussion soll die Grundstruktur der Autonomie des Patienten als auch deren prinzipiellen und praktischen Grenzen reflektieren.
Abendpause
(17 bis 18 Uhr. Für Verpflegung ist gesorgt: die Kosten sind im Teilnehmerbeitrag enthalten.)
Abschlussdiskussion
(18 bis 19 Uhr. Podiumsdiskussion)
- Bestattungsunternehmer Karl-Albert Denk
- Ministerialrat Uwe Kahl
- Künstlerin/Kunsttherapeutin Sybille Loew
- Prof. Dr. med. Eckhard Frick
- Vom Zentrum für Palliativmedizin: PD Dr. Traugott Roser
Daten

Datum
(download ICS)7. mai 2010
Kontakt
Studierendenvertretung HfPh
Hochschule für Philosophie
Philosophische Fakultät SJ
Kaulbachstr. 31a
D-80539 München
hallo@patientenautonomie.info
Organisation
Sebastian Verbeek
Uwe Stange
Marina Lessig
Fabian Norden
Gestaltung
Uwe Stange
(uwe.stange@googlemail.com)
Bild: photocase.com (whenlogicsdie)
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Mit freundlicher Unterstützung durch
Bundesministerium für Gesundheit
Robert Weissenbacher
Pro Philosophia e.V.
Hochschule für Philosophie



